Die Galerie

20. Januar bis 25. Februar 2017

Eichenallee (Mosigkau)

Claudia Berg– Mit kalter Nadel

Was soll man bloß schreiben über eine Künstlerin, die einfach nur richtig gut ist, deren Arbeiten zu kommentieren sich verbietet, weil Worte eh nicht ausreichen, die unglaubliche Aura der nur scheinbar spröden Kaltnadelradierungen einzufangen; für die ich auch nicht kämpfen muss, weil sie mit Preisen, Stipendien, Ausstellungen und öffentlichen Ankäufen überschüttet wird (na gut, öffentliche Ankäufe dürfen es immer noch ein paar mehr und noch ein paar mehr sein, und Preise auch…) und die mit ihren 40 Jahren schon viel vollbracht und noch viel mehr vor sich hat?

Ich rette mich erst mal in ihre grafische Technik, besser: ihr Medium, und das ist die Kaltnadelradierung. Technischer Schnelldurchgang: mit einer Stahlnadel ohne Zuhilfenahme von chemischen Prozessen (wie etwa Ätzen mit Salpetersäure bei der „heißen“ Radierung) Linien in eine Kupferplatte kratzen, in diese Linien wird Farbe gewalzt, die gefeuchtetes Büttenpapier unter großem Druck aus den Rillen saugt und seitenverkehrt abbildet.
Es liegt auf der Hand: Was einmal in Platte gekratzt wurde, ist nicht mehr vollständig zu korrigieren (was man beim Wort „radieren“ ja vielleicht zuerst denkt, weil wir von Schulkindesbeinen an mit Radieren „verbessern“ assoziieren.) Die Künstlerin braucht also eine sichere Zeichenhand und Mut und Zuversicht, dass das, was sie darstellen will, auf Anhieb sitzt. Aber das Material – die Kupferplatte – sperrt sich, arbeitet mit bzw. gegen die Hand. Man kann auch mit der Kaltnadelradierung filigran und hyperrealistisch arbeiten, aber spannend wird es eigentlich, wenn diese sehr unmittelbare Art der Zeichnung mit der Aussparung, mit darstellerischer Lakonie arbeitet. Die lässt dem Auge des Betrachters den Raum, das Bild im eigenen Auge zu ergänzen. Claudia Bergs Arbeiten sind in dieser Hinsicht mit das Beste, was die Kaltnadelradierung bislang hervorgebracht hat.

Im Kabinett

Nur Verrückte machen Bücher von Hand. Wozu eigentlich Pressendrucke?

Als ich vor zwei Jahren von dem Buchkunstverleger Dr. Thomas Müth gebeten wurde, in Leipzig eine Rede auf seine gerade erschienenen Pressendrucke mit dem Andersen-Märchen "Die Nachtigall" zu halten, bereitete ich mich auf eine Ansprache an Insider vor – bis ich am Abend vorher erfuhr, dass die Buchvorstellung im Rahmen einer gänzlich andersthematischen Lesung stattfinden würde. Mir wurde schlagartig klar, dass mich dieser Teil des Publikums für komplett verrückt erklären müsste, wenn ich ohne Weiteres über ein Märchenbuch sprechen würde, das in nur 15 Exemplaren existiert und 590 Euro kostet. Einige Argumente, die für eine solche Verrücktheit sprechen, lesen Sie nach Klicken auf's Bild