Die Galerie

12. Juni bis 5. August 2015

Buy now – Don't Piss On The Parade

Verlag Kollektiv Tod – Don't Piss On The Parade

Wenn man durch Paris oder Barcelona streift, kann man schon mal auf gigantisch große Original-Holzschnitte an Mauern und Wänden treffen, auf denen sich mehr oder weniger vergnügte Gerippe tollen. Ganz offiziell entstehen diese Kunstpräsentationen nicht immer, dafür haben sie aber ein ausgesprochen großes Publikum. Frédéric Guille und off, zwei junge, in Berlin lebende Künstler, haben mit dem Einsatz großformatiger Original-Holzschnitte der street-art eine neue Dimension hinzugefügt.

In Witz und Kunstfertigkeit stehen die beiden dem berühmten Bansky kaum nach. Zusätzlich aber erweitern sie das Spektrum des Holzschnittes im HAP Grieshaberschen Sinn, demzufolge die spezifische Ästhetik dieser ältesten grafischen Technik Einzug in den Alltag der Menschen halten und allen zugänglich sein soll. Grieshaber hat das noch über hohe Auflagen zu niedrigen Preisen angestrebt, der Verlag Kollektiv Tod, wie Guille und off ihre künstlerische Zweierkiste in Ironisierung klingender Berliner Start-up-Labels nennen, plakatiert Original-Holzschnitte öffentlich zur kostenlosen Betrachtung.

Gleichzeitig bietet das Vorhandensein eines Druckstocks natürlich die Möglichkeit, das müde Gerippe, das an einer Pariser Hauswand klebend wie ein Obdachloser auf der Straße zu schlafen scheint, mit gleicher Wirkung neben eine Parkbank in Barcelona zu heften. Das gleiche Bild für das gleiche Schicksal am anderen Ort: Das ist pure Plausibilität von druckgrafischer Technik!

Nachteil der street-art ist, dass die Schöpfer/innen meist anonym bleiben und ihre Werke nicht „monetarisieren“ können, wie neuerdings das Streben nach klingender Münze verklausuliert wird. Das - also das Anonymbleiben - scheint aber durchaus auch Intention der beiden Künstler zu sein, die aus ihren Personalien offenbar keine Kunstmarkt-Marke generieren wollen. Off ist ja für den weiblichen Teil des Duos ein Pseudonym, das sich kaum weiter verknappen lässt.

Ihr Auftreten als Verlag Kollektiv Tod ist aber durchaus keine Attitüde – der Totentanz eines ihrer zentralen Themen, und 21 Bücher der beiden sind allein auf ihrer Website zu sehen, vom gemalten Unikatbuch von off über noch wachsende Bücher, denen laufend weitere Seiten hinzugefügt werden, bis zu Dokumenten ihrer street-art-Aktionen, in denen Teile der geklebten Groß-Holzschnitte in Details von Büchern weiterleben. Den Verlag haben Frédéric Guille (*1979 in Straßburg) und off (*1977 in Bassum/Niedersachsen) 2007 in Berlin gegründet

Engel der Geschichte 21 – Stop dem Walfang

Im Kabinett

HAP Grieshaber in Künstlerzeitschriften

Mehr als ein halbes Jahrhundert stand der Name von HAP Grieshaber (1909–1981) synonym für den künstlerischen Holzschnitt in Deutschland, wie Tempo für Papiertaschentuch und Uhu für flüssigen Klebstoff. Besonders in Westdeutschland, wo Grieshaber auch als moralisches Gewissen der Gesellschaft wirkte, schrieben kunstferne Zeitgenossen grundsätzlich jeden Holzschnitt dem knorrigen Schwaben zu. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts löste sich diese Antonomasie langsam auf – vor allem auch durch die faszinierenden Innovationen, die jüngere Künstler wie Petra Schuppenhauer und Franziska Neubert der alten Technik abtrotzten. Zu Grieshabers 100. Geburtstag 2009 blieben feierliche Großereignisse weitgehend aus.

Es mag verwunderlich klingen, aber ich glaube, es ist an der Zeit, Grieshaber wiederzuentdecken, denn seine Arbeiten haben weder ihre Kraft noch ihren Zauber eingebüßt, und es gibt eine gute, greifbare Möglichkeit, preiswert an vorzügliche Original-Farbholzschnitte von HAP Grieshaber zu kommen: Das Bemühen des Künstlers, den Holzschnitt als Kunstwerk mit seiner Aura möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, goss er in die Form eines Periodikums – den Engel der Geschichte, einer Zeitschrift für Kunst und Literatur, die er selbst herausgab, und die nicht nur regelmäßig viele seiner aufwändigen Orig.-Holzschnitte enthielt, sondern auch Orig.-Grafiken von Künstlerfreunden, die gut und normalerweise sehr teuer sind wie Horst Antes, Walter Stöhrer, Kurt Sonderborg u.v.a. Die Zeitschrift besteht, wie der tw. parallel in Frankreich erschienene Derrière le Miroir, aus lose ineinanderliegenden Bögen, was das Hantieren mit dem einzelnen Orig.-Holzschnitt ermöglicht, ohne das Ganze zu zerstören. Und das Format von 41 x 29 cm gibt schon was her!