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Nellie Bly Zehn Tage im Irrenhaus. Undercover in der Psychiatrie

Empfohlen von Lisa Stöhr

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Nellie Bly (1864 – 1922) war eine der ersten Investigativjournalistinnen überhaupt. Ihr eigentlicher Name war Elizabeth Jane Cochran, und sie kam durch Zufall zum Journalismus: Ein von ihr verfasster Leserbrief zu einem frauenfeindlichen Artikel beeindruckte den Redakteur der angesprochenen Zeitung derart, dass er ihr einen Job anbot.


Einige Jahre später begann sie, für die Zeitung „New York World“ von Joseph Pulitzer (genau, der mit dem Preis) zu arbeiten. Ihr erster Auftrag wurde ein Meilenstein des investigativen Journalismus. 1887 sollte sie sich undercover in eine Nervenheilanstalt für arme Frauen einschleichen und über die Zustände dort berichten.

Entgegen ihrer Erwartung war es sehr einfach, in die Anstalt eingewiesen zu werden. Es brauchte nur einen falschen Namen, eine wirre Geschichte und kein Geld dabei. Die Anstalt wieder zu verlassen, war die größere Herausforderung. Denn wer glaubt schon einer „armen Irren“?

Sie verbrachte schließlich zehn Tage im Irrenhaus. Obwohl sie gerne darüber berichtet hätte, dass „die Schwächsten unter Gottes Geschöpfen“ in ihrer Gesellschaft gut versorgt sind, zeigten ihre Erfahrungen schwere Missstände auf.


Ihr Artikel erschien in zwei Teilen in der „New York World“ und kurze Zeit später als Buch. Denn selbst in einer Zeit, in der das Wort einer Frau noch wenig Gewicht hatte, beeindruckten ihre sachlichen, aber einfühlsamen Berichte über einen Ort, den wahrscheinlich keiner der Leser jemals von innen sehen würde.

Und sie bewirkten das, was guter Journalismus tun muss: Durch Aufdeckung von Missständen öffentlichen Druck erzeugen, um diese zu verändern.
Die Lektüre heute lohnt sich allein schon wegen ihrer großen Bedeutung für den Journalismus, aber man sollte nicht unterschätzen, wie sehr ihr Bericht fesselt! Eine spannende Erzählung über ein Irrenhaus, das schon längst nicht mehr existiert.

Nellie Bly / Zehn Tage im Irrenhaus. Undercover in der Psychiatrie

hrsg., übers. und mit Nachwort von Martin Wagner
Aviva Verlag, 2014

16.00 €