Buchtipps

Julian Barnes Der Lärm der Zeit

Empfohlen von Oliver Fründt

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„Kunst gehört allen und niemandem. Kunst gehört jeder Zeit und keiner Zeit. Kunst gehört denen, die sie erschaffen, und denen, die sie genießen. Kunst gehört ebenso wenig dem Volk und der Partei, wie sie einst dem Adel und den Mäzenen gehört hatte. Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist. Kunst existiert nicht um der Kunst willen: Sie existiert um der Menschen willen.“


Nacht für Nacht sitzt der Komponist Dmitri Schostakowitsch vorm Aufzug vor seiner Wohnung und erwartet seine Verhaftung.
Eine der stalinschen Verhaftungswellen rollt über das revolutionäre Russland. Schostakowitsch wartet im Treppenhaus, um nicht vor seiner Frau und den Kindern aus dem Bett gezerrt zu werden.

Er raucht und denkt nach, erinnert sich und versucht zu rekonstruieren, wie er das Missfallen des Regimes erregt hat. Mit seiner Musik, die sich nicht beim ersten Hören erschließt und also für die Revolution nicht zu gebrauchen ist.

Repressalien, Drohungen, Erpressungen und die ganz allgemeine Angst setzen sich in ihm fest. Und der Komponist versucht sein Leben lang, sich irgendwie durch den „Lärm der Zeit“ zu winden.


Barnes Roman erzählt von einem Künstler, der in den gegebenen historischen Umständen einfach nur überleben will: einmal körperlich, dann aber auch künstlerisch und, wenn möglich, als integre Persönlichkeit.

Letzteres gelingt ihm nicht. Er lässt sich aus Angst korrumpieren, passt sich an und versucht, sich mit Ironie dabei „rein“ zu halten. Das funktioniert nicht. Je älter er wird, desto weniger. Und er durchschaut das natürlich. Zu seiner Verzweiflung.


„Der Lärm der Zeit“ ist in drei Teilen aufgebaut. Der Szene vor dem Aufzug folgt eine „Im Flugzeug“ und eine dritte „Im Auto“. In allen Teilen geht es um das Ringen des Komponisten um künstlerische und / oder persönliche Integrität – und das auf verschiedenen Stufen seiner eigenen und der historischen Entwicklung. Das finde ich schon sinnig, da diese Fragen sich dabei weiter verfeinern.

Ein paar Wiederholungen von Formulierungen hätten dem Autor ruhig gestrichen werden können. Aber wirklich schlimm finde ich das nicht. Bedauerlicher hingegen, dass er so wenig auf Schostakowitschs Musik eingeht. Vermutlich kann Barnes das einfach nicht erzählen. Und dann ist es ja konsequent, das zu lassen.


Alles in allem ist „Der Lärm der Zeit“ ein toller und kluger, sehr gut recherchierter Roman, den ich bestens empfehlen kann!

Julian Barnes / Der Lärm der Zeit

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Büchergilde Gutenberg, Euro 17,95
(oder bei Kiepenheuer & Witsch, Euro 20,00)

17.99 €