Buchtipps

Toni Morrison Gott, hilf dem Kind

Empfohlen von Jennifer Lorz

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Mit ihrem neuen, elften Roman zeigt Toni Morrison, die große afroamerikanische Nobelpreisträgerin von 1993, sich einmal mehr auf der Höhe ihrer Meisterschaft. Sie hat einen großartig komponierten Roman aus verschiedenen Perspektiven geschrieben:


Lula Ann kommt als sehr dunkles Baby zur Welt. Ihr Vater fühlt sich von der Mutter betrogen und verlässt die Familie. Die Mutter hasst ihre Tochter dafür und schämt sich sogar für sie, daher darf Lula Ann ihre Mutter auch nur mit ihrem Vornamen „Sweetness“ ansprechen.

Lula Ann hat lange damit zu kämpfen, so verachtet zu werden, und fühlt sich auch lange nicht wohl in ihrem eigenen Körper. Bis sie eines Tages beginnt, aus ihrem Äußeren Profit zu schlagen: sie kleidet sich nur noch in Weiß, macht ihren Körper zur Marke und nennt sich von nun an nur noch Bride. Sie geht in die Modebranche, und im Prinzip dreht sich auch ihr weiteres Leben immer noch um ihr Äußeres, auch wenn sie selbst es vielleicht gar nicht bemerkt.

Denn als sie von Booker, der Liebe ihres Lebens, verlassen wird, meint sie selbst ihre Fraulichkeit zu verlieren. Zuerst glaubt sie, dass so etwas banales wie ihre Ohrring-Löcher verschwinden, später sogar ihre Oberweite. Allerdings sie ist die einzige, die das so sieht.

Sie zieht sich zurück, bis sie eines Tages Hinweise auf Bookers Verbleib erhält und sich auf die Suche nach ihm macht.
Bei dieser Suche beginnt sie, sich zu verändern, sich selbst wieder mehr zu mögen und ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Eine Vergangenheit, die geprägt ist von Verachtung, Liebesentzug und auch einem ziemlich dunklen Schatten, der sich bis in die Gegenwart zieht und sie noch heute stark beschäftigt. Wird sich ihr Leben wieder zum Besseren wenden?

Es gibt unterschiedliche Erzählstimmen in „Gott, hilf dem Kind“. Neben der Protagonistin Bride kommen auch ihre Mutter Sweetness, die beste Freundin Brooklyn und ihr Freund Booker zu Wort und machen die Geschichte insgesamt rund.
Eine spannende Geschichte, die auch einige Überraschungen für uns als Leser bereit hält. Ich habe jedenfalls bis zum Ende mitgefiebert, ob Bride ihren Booker wiederfindet, und war ebenso gespannt darauf, was es mit der mysteriösen Frau Sofia auf sich hat, die Bride zu Beginn der Geschichte unbedingt treffen muss.


Zu dem Spektrums des Andersseins gehört ja auch, wie einschneidend es das Innenleben der Figuren verändert und manchmal auch zerstört. Davon zu lesen, sich erzählen zu lassen, mitzudenken und sich einzufühlen, bringen zwei der besten und wichtigsten Nebenwirkungen von Literatur hervor: Empathie bzw. Mitgefühl und Toleranz!
Auch insofern gehört „Gott, hilf dem Kind“, dieser so ausgezeichnete Roman, auf jeden Lesestapel!

Wir haben schon die Frage diskutiert, ab welchem Alter man Morrisons Roman lesen kann. Er ist für Erwachsene geschrieben – aber ab wann ist man „erwachsen“?!?
Leseerfahrene, neugierige, nachdenkliche junge Leute, die sich zu fragen beginnen, wie sie wurden, was sie sind, und wie das Leben so weiter geht, können dieses Buch auch schon ab um die 18 lesen, denke ich. Das kommt ganz auf die Person an. – Für alle „älteren“ Leserinnen und Leser ist „Gott, hilf dem Kind“ natürlich auch zu empfehlen!

Toni Morrison / Gott, hilf dem Kind

aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Piltz
Büchergilde Gutenberg, Euro 17,95
oder beim Rowohlt Verlag, Euro 19, 95

17.95 €