Der Blog

Pulse of Europe!

15. Februar 2017

Fast egal, welches Buch aus den 20er-Jahren man derzeit liest – bei mir war es zuletzt das sehr unterhaltsame und guten Einblick in den Zeitgeist der Endjahre der Weimarer Republik ermöglichende „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ der fabelhaften Gabriele Tergit (1894-1982)-, man hat immer den beklemmenden Eindruck: Huch, da fühlt sich vieles politisch so ähnlich an wie heute. Und da man das grausige Ende dieser Zeit ja kennt, beschleicht einen so ein dumpfes Gefühl: Was um alles in der Welt könnte ich denn dazu beitragen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt, noch nicht einmal als Farce?

Ich schaue schon länger sehr genervt auf die in vielen europäischen Ländern lautstark gegen die Europäische Einheit pöbelnden Neo-Nationalisten und frage mich immer, warum denn wir anderen, laut Umfragen die überwältigende Mehrheit, jenen nicht ihre Grenzen, die sie doch so sehr lieben, aufzeigen, indem wir sichtbar machen, dass wir es sind und sein werden, die dem Weg Europas bestimmen.

Nun gibt es so eine Initiative, auf die ich gewartet habe: „Pulse of Europe“ nennt sich die Gründung von einigen engagierten Frankfurtern, deren Aufruf, jeden Sonntag um 14 Uhr auf dem Goetheplatz (Roßmarkt) im wahrsten Sinne des Wortes Flagge zu zeigen – nämlich die blaue mit den vielen Sternen – ich letzten Sonntag gefolgt bin. Da hatte sich die Zahl der Teilnehmer/innen gegenüber der Vorwoche schon auf 2000 verdoppelt. Vielleicht haben Sie von dieser neuen Sonntagsdemonstration noch nicht gehört und suchen auch eine Ausdruckmöglichkeit für Ihr Unbehagen gegenüber dem gefährlichen „Spiel“ mit der Einheit Europas. Es dauert sonntags nur ca. eine Stunde, ist liebenswert wenig professionell (Sprechchöre müssen wir noch üben) und es gibt einem das gute Gefühl: Die Anständigen schauen nicht mehr tatenlos zu, wie ein Haufen Schreihälse Anlauf nimmt, den mühsam erworbenen Frieden und Wohlstand in Europa aufs Spiel zu setzen.

Man muss nicht Herrn Juncker oder die Brüsseler Bürokraten lieben, um für die Europäische Einheit auf die Straße zu gehen, man muss im Gegenteil die Idee des Vereinten Europa zurückerobern als das ureigene Wollen der Bürger. So hat „Pulse of Europe“ zu den niederländischen Wahlen am 15. März 2017, wo auch europafeindliche Populisten auftrumpfen wollen, eine Kampagne gestartet, in der die Menschen aus den anderen EU-Ländern den Niederländern zurufen (oder schreiben): blijf bij ons! Ja, z.B. wir Deutschen wollen, dass Niederländer, dass Franzosen, dass Ungarn, dass Polen bei uns bleiben, und es ist offenbar nötig, solchen Binsenweisheiten wieder Ausdruck zu verleihen.

Ich werde übrigens, weil ich diese Woche für den Artclub auf Atelierreise bin am Sonntag um 14 Uhr in Berlin auf dem Gendarmenmarkt die blaue Flagge mit den gelben Sternen hochhalten – denn, Freude, schöner Götterfunken – die Sache mit dem 14-Uhr-Europa-Sonntag breitet sich aus. Wo überall, lesen Sie unter pulseofeurope.eu.

Optimistisch grüßt Sie Ihr
Wolfgang Grätz

pulseofeurope.eu

Blijf bij ons!

Hans Fallada

zum 70. Todestag am 5.Februar
3. Februar 2017

Am 5.Februar 1947 starb Hans Fallada an Herzversagen. Er wurde 53 Jahre, die so wild und verrückt, teilweise glücklich und meist wohl verzweifelt waren.

Er hatte einige große literarische Bucherfolge und viele kleine grässliche Misserfolge in seinem Leben durchstehen müssen. War mehrmals in Nervenheilanstalten und im Gefängnis. Zuletzt während des Krieges, nachdem er im Suff auf seine erste Frau geschossen hatte.

Im Gefängnis schrieb er ein Tagebuch zwischen die Zeilen eines Romans, an dem er zuvor gearbeitet hatte. Mit vielen Abkürzungen und in einer kleinen Schrift. Die Enthüllungen darin hätten ihm unter den Nazis womöglich die Todesstrafe eingehandelt.

Es ist unter dem Titel „In meinem fremden Land“ erschienen und immer noch überaus lesenswert. „Ich habe das Leben wie alle gelebt, das Leben der kleinen Leute“, schreibt er darin. Na ja, eigentlich hat er eher so rauschhaft gelebt, wie er auch geschrieben hat.

Außerdem halten wir gerade einige Biografien und Bücher zu bestimmten Aspekten aus Falladas Leben und Werk aus dem Steffens-Verlag für Sie bereit.
Dabei auch ein hübsch illustriertes Bändchen mit Aphorismen und einen Bildband mit Aquarellen aus der Gegend um Carow, wo Fallada gewohnt hat.

Vielleicht schauen Sie einfach mal, wenn Sie bei uns vorbeikommen… Fallada lohnt sich!

Hans Fallada: In meinem fremden Land
Gefängnistagebuch 1944
hg. von Jenny Williams und Sabine Lange
Aufbau Verlag, Euro 24,00

Bei der Büchergilde Gutenberg weiterhin lieferbar die ungekürzte Neuausgabe von:
Hans Fallada: Kleiner Mann, was nun?
hg. und mit Nachwort von Carsten Gansel
Büchergilde Gutenberg, Euro 19,95

Und ganz wunderschön ist wegen der großartigen Sprachen der teilweise autobiografische Roman der früheren Fallada-Archivarin:
Sabine Lange: Schlüsselbund
Edition Rugerup, Euro 14,90

(Oliver Fründt)

Hier können Sie Falladas Gefängnistagebuch bestellen!

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